Passionen

Ein Theaterprojekt der Kreuzgangspiele
nach Giovanni Boccaccios „Il Decamerone“

„Die Geschichten wissen von süßen und bitteren Liebesabenteuern und vielerlei wunderlichen Begebenheiten aus alter und neuer Zeit. Die reizenden Leserinnen werden sich gleicherweise an den unterhaltsamen Dingen, die hier berichtet werden, ergötzen, wie auch guten Rat daraus schöpfen können. Dies wiederum ist meines Erachtens nicht möglich, ohne dass dabei die Langeweile vertrieben wird. Trifft dies nun zu – und Gott gebe, dass es so sei –, mögen sie es Amor danken, der mich von den Fesseln befreite und mir erlaubte, auf diese Weise zu ihrer Unterhaltung beizutragen.“

So endet die Vorrede Giovanni Boccaccios zu einer der wohl berühmtesten Novellensammlungen der Literaturgeschichte. Wahrscheinlich zwischen 1351 und 1353 entstanden, vereint diese Sammlung 100 unterschiedlichste Geschichten, die durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten werden. Diese ist schnell erzählt: Im Italien des Jahres 1348, als in Florenz die Pest fürchterlich wütet und ihr über die Hälfte der Bevölkerung zum Opfer fällt, beschließt eine Gruppe von zehn jungen Adligen, auf ein toskanisches Landgut zu fliehen. Die sieben Damen und drei Herren, teilweise ineinander verliebt, ersinnen ein Spiel, in welchem an jedem Tag jeder einem festgesetzten Thema folgend eine Geschichte zu erzählen hat. Dieses Thema bestimmt ein/e aus dem Kreis der Anwesenden täglich neu gewählte/r Königin oder König. In den Erzählungen geht es nicht selten um die Liebe, mal süß und lieblich, mal erotisch und frivol, mal tragisch-schön oder schelmisch-gewitzt, doch vor allem geht es darum, sich zu zerstreuen, um Unterhaltung also im besten Sinne – jenseits gesellschaftlicher Konventionen, nur der Liebe und der Freiheit verpflichtet.

Diese Zusammenkunft ist auch das Verbindende der Feuchtwanger „Passionen“, in denen sich in jeder der sieben Wochen Spielzeit Menschen auf der Bühne begegnen, um sich und dem Publikum mit dem Erzählen einiger Geschichten aus dem „Decamerone“ die Zeit zu vertreiben. Zu hören sind unter anderem die Geschichte von Ceparello der durch eine falsche Beichte „obwohl er zu Lebzeiten ein ruchloser Bösewicht gewesen ist, […] nach seinem Tode für einen Heiligen gehalten“ wird, oder die Geschichte des Masetto, der sich stumm stellt und Gärtner in einem Frauenkloster wird, „dessen Nonnen um die Wette mit ihm schlafen wollen“. Mit dabei ist natürlich auch die Erzählung, auf die sich William Shakespeare in seinem Stück „Ende gut, alles gut“ bezieht, das ursprünglich für diesen Sommer geplant war und nun in der Spielzeit 2021 zu sehen ist.

Die Passionen-Themen folgen frei den Themen der Novellensammlung, so dass sich beispielsweise der Abend mit dem Titel „Passionen Vier # Herzschmerz“ auf den vierten Tag des „Decamerone“ bezieht, der unter dem Titel „…es beginnt der vierte, an welchem […] von den Schicksalen derjenigen gesprochen wird, deren Liebe ein unglückliches Ende nahm“. So sind in jeder Woche und unter jedem Thema neue Novellen zu hören.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler der Kreuzgangspiele erzählen die Geschichten in wechselnder Besetzung. Dabei wird das Erzählen selbst zum Thema wie das Spielen; die Akteure treten hervor, schlüpfen in eine Rolle, um nach einer kurzen Zeit wieder aus dieser herauszutreten. So bilden sich mehrere Ebenen des Erzählens, wodurch immer wieder Brechungen entstehen, Kommentare und Zuspitzungen, die wiederum das Erzählte in die Gegenwart holen.

„…desgleichen einige Lieder,
die ebendiese Damen zu ihrem Vergnügen sangen“

Bereichert werden die Erzählungen bei Boccaccio mit Liedern: Immer wieder findet sich im Text der Hinweis, dass gesungen wird, gemeinsam oder einzeln; ein Lied beschließt stets den jeweiligen Tag. Dieser Struktur folgend sind auch die Feuchtwanger „Passionen“ durch Songs erweitert, die assoziativ das Erzählte kommentieren. Allerdings bedienen sich die Kreuzgangspiele aus dem vielfältigen Repertoire der modernen Schlager- und Popmusik. So sind am ersten Abend unter dem Hashtag Welt unter anderem „We are the World“, „Cheek to Cheek“ und „Imagine“ zuhören. An weiteren Abenden folgen dann Songs wie „What a wonderful World“, „Dream a little Dream“ oder „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ und „Schuld war nur der Bossa Nova“ – vielfältig und überraschend wie die gesamte „Passionen“-Reihe.

Am 1. Juli feiern die Kreuzgangspiele um 20.30 Uhr die erste Vorstellung unter dem Titel „Passionen Eins #Welt“. In den folgenden sieben Wochen folgen jeweils die Abende „Passionen Zwei #Glück“, „Passionen Drei #Wünsche“, „Passionen Vier #Herzschmerz“, „Passionen Fünf #Klugheit“, „Passionen Sechs #Paare“ und „Passionen Sieben #HappyEnd“. Regie führt Johannes Kaetzler. Die Reihe ist für die Kreuzgangspiele völliges Neuland, ein Theaterprojekt und ein Experiment, das klassische Formen des Theaters mit szenischen Lesungen sowie (post)modernen Spielformen verbindet und zugleich die Brücke zur Unterhaltung schlägt; eine „Revue extraordinaire“ und eine Reihe, die die poetische Kraft und die Einzigartigkeit der Texte Boccaccios – einem wahren Meister der europäischen Erzählkunst – zu würdigen versucht.

„…und erinnert euch meiner“ - Über Giovanni Boccaccio

Boccaccio wurde 1313 in Paris geboren. Er entstammte einer unehelichen Verbindung eines florentinischen Kaufmanns mit einer französischen Adligen. Er wuchs in Florenz auf und begann dort eine kaufmännische Lehre, die ihn 1330 nach Neapel führte. 1332 gab er den Kaufmannsberuf auf, um sich dem Studium der Rechte zu widmen. Er verbrachte einige Jahre am Königshof in Neapel und begann dort seine dichterische Laufbahn. 1340 kehrte er nach Florenz zurück, wo er das Amt eines Richters und Notars antrat. Diplomatische Missionen führten ihn 1365 zu Papst Urban V. und 1367 nach Rom. Giovanni Boccaccio hatte sich als Biograf Dantes und Kommentator der „Göttlichen Komödie“ verdient gemacht, als er gegen Ende seines Lebens die Berufung auf den Lehrstuhl, den die Stadt Florenz zu Ehren ihres einst vertriebenen Sohnes Dante Alighieri eingerichtet hatte, erhielt. Von Krankheit gezeichnet musste Boccaccio die Vorlesungen schon bald aufgeben. Er starb 1375.

Obwohl sich der italienische Dichter mit seinem „Decamerone“ – wie es in der Vorrede zu lesen ist – explizit an die Frauen wandte, ist die Novellensammlung seit dem ersten Druck 1470 bei beiden Geschlechtern anhaltend beliebt; zahlreiche Auflagen, Bearbeitungen und Bezüge späterer Autoren – darunter William Shakespeare und Gotthold Ephraim Lessing – zeugen davon. Über Jahrhunderte prägte das „Decamerone“ als Vorbild die europäische Novellistik. Im 20. Jahrhundert wurden die Geschichten unter anderem mit der Verfilmung durch den italienischen Schriftsteller und Regisseur Pier Paolo Pasolini 1971 in Bilder umgesetzt und einem größeren Publikum bekannt. Bei den Kreuzgangspielen erlauben wir uns in der Sonderspielzeit 2020 einen neuen, zeitgenössischen Blick auf den Dichter und sein bekanntes Werk – und damit zugleich auf uns, auf das Menschliche und natürlich auf die Liebe in all ihren Facetten.